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Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier
Was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Modebegriff? Arbeitswelt 4.1

Arbeitswelt 4.1

Alle sind sich einig, dass die Digitalisierung die Arbeitswelt von Grund auf verändert. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Modebegriff?
Damals und heute: Wie neu ist Digitalisierung?
 
Digitalisierung ist nicht neu. Seit der Einführung von Elektronenrechnern wurden mehr und mehr Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensbereiche davon erfasst. Dennoch boomt das Thema seit einiger Zeit. Publikationen, Dokumentationen, politische Programme usw., die sich mit wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Trends oder Zukunftsszenarien beschäftigen, kommen kaum mehr ohne Begriffe wie „digitaler Wandel“, „Industrie 4.0“ (4.0 gibt es mittlerweile für fast jeden Wirtschaftsbereich und auch für die Arbeitswelt), „digitale Agenda“ oder ähnliche Schlagworte aus. Dafür gibt es mehrere Gründe, von denen ein wichtiger sicherlich der Stand der technischen Entwicklung ist. Jetzt werden erstmalig Szenarien, wie sie schon in dem Roman „Schöne neue Welt“ („Brave new world“ von Aldous Huxley, erschienen 1932) visionär aufgezeigt wurden, möglich. Teilweise sogar Realität, weil Digitalisierungsprojekte vor allem erschwinglich(er) geworden sind.
 
Digitalisierung ist ein schon lange andauernder technischer Prozess, der seit Einführung der ersten großen Rechenmaschinen in Rechenzentren in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts voranschreitet. Neu muten allerdings die Breite der möglichen Anwendungen, die Geschwindigkeit der Verbreitung und der damit einhergehenden Veränderungen an. Weil Technik eben nie für sich alleine steht, spricht man auch von einem „sozio-technischen Phänomen“. Mit dem Technikeinsatz sind immer auch Veränderungen in Struktur- und Ablauforganisation verbunden.
 
Das war auch schon damals nicht neu, sondern kann als Fortsetzung eines roten Fadens durch die Jahrhunderte der Geschichte der neuzeitlichen Arbeitswelt verstanden werden: Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Arbeitszeit-Gesetzgebungen auf den Weg gebracht worden sind, hat eine Erfindung das Leben von Grunde auf umgekrempelt: die Telegrafie (damals noch analog). Im zweiten Anlauf gelang es 1866, ein funktionsfähiges Transatlantik-Kabel zu verlegen. In den folgenden Jahren wurde die Welt vernetzt und dadurch auf den Kopf gestellt. Informationen, die zuvor Tage oder Wochen unterwegs waren, konnten innerhalb kürzester Zeit Tausende von Kilometern überbrücken. Das hat nicht nur die Informationsverbreitung radikal verändert, sondern auch den Handel globalisiert. Was gerne als „viktorianisches Internet“ bezeichnet wird, hat in der Welt von damals, und damit selbstverständlich auch in der Arbeitswelt von damals, keinen Stein auf dem anderen belassen. Das Telefon hat diese Entwicklung wenig später dann weiter beschleunigt. Dieser kleine Rückblick macht uns deutlich, dass ArbeitnehmerInnen schon mehrfach in der Geschichte mit Problemstellungen, die mit den heutigen vergleichbar sind, konfrontiert waren und dafür Lösungsansätze gefunden haben. Das kann uns ein wenig die Sorge und das Gefühl der Ohnmacht nehmen, das viele im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Entwicklungen beschleicht.
 
Digitalisierung in der Praxis
 
Digitalisierung ist ein Begriff, der derzeit einem medialen Hype unterliegt, jede/r spricht darüber. Kurz soll hier eine Definition dargestellt werden: „Digital“ steht für die Reduzierung von Informationen auf „0“ und „1“, auf „trifft nicht zu“ oder „trifft zu“. Der Begriff selbst ist an das englische Vokabel für Finger („digit“) angelehnt und daran mit dem Finger zu zählen – entweder ist der Finger oben („1“) oder eben nicht („0“). „Digitalisieren“ steht im engeren Sinn (und im englischen Sprachgebrauch nach wie vor) für die Umwandlung herkömmlicher, „analoger“ Information in digitale. Das ist die Voraussetzung für die maschinelle Verarbeitung von Daten und Informationen.
 
Im weiteren Sinn steht „Digitalisieren“ deshalb für Veränderungen, bei denen Computer(-programme) und Roboter zum Einsatz kommen. In der Spielart von „Industrie 4.0“ bedeutet Digitalisierung, dass Menschen aus der Steuerung von Maschinen und Prozessen weitgehend oder sogar bis zur Gänze ausgeschaltet werden. Die technische Realisierung der Digitalisierung, mit der wir heute konfrontiert sind, findet ihren Ausdruck im „Internet of Things (IoT)“. Darunter versteht man die Vernetzung tendenziell aller Geräte sowie deren Ausstattung mit Sensoren und „lokaler Intelligenz“ (Rechenkapazität). Daraus ergibt sich, dass viele Geräte vom Kühlschrank bis zur elektrischen Zahnbürste, vom selbstfahrenden Auto bis zur Fertigungsstraße, von den Börsencomputern bis zum Bürostuhl, von Algorithmen gesteuert, „selbst“ agieren und miteinander interagieren, Entscheidungen treffen und Handlungen setzen können. Der digitale Wandel zeichnet sich durch seine breite gesellschaftlich-technische Entwicklung mit hoher Dynamik aus.
 
Von der Digitalisierung werden nahezu alle Lebensbereiche erfasst. Beispiele dafür sind die Arbeitswelt mit Produktion und Dienstleistung, Konsum und Freizeit, aber auch Mobilität, Gesundheit und Pflege, Fragen der Sicherheit, Bildung und Wissenschaft. Aber auch politische Prozesse verändern sich durch bessere Informations- und Beteiligungsmöglichkeiten. Ebenso betroffen sind Kulturproduktion und nicht zuletzt militärische Entwicklungen. Digitalisierung ist mit Datengenerierung eng verbunden. Speicher- und Auswertungsmöglichkeiten werden in immer größerem Ausmaß eröffnet. Dies führt dazu, dass Quantifizierung und Messung – unter angeblichen Effizienz- und Normalisierungsgesichtspunkten – als wichtige Paradigma etabliert werden.
 
Wirtschaftlich betrachtet können durch Digitalisierung meist Effizienzgewinne und vielfach ganz neue Produkte bzw. Dienstleistungen realisiert werden. Andererseits sind aber auch die Zuspitzung bestehender Probleme wie Machtungleichgewichte oder Intransparenz zu beobachten. Positiv wirken sich verbesserte Chancen für breite Beteiligung aus, die durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglicht werden. Wesentliche Voraussetzungen für eine positive Gestaltung des digitalen Wandels sind Investitionen in Bildung und Qualifizierung, eine „digitale Aufklärung“, eine Forschungsförderung, die sich neben den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern auch speziell der Sozial- und Geisteswissenschaften annimmt sowie ein gesellschaftliches Klima von Offenheit, Partizipation und Diversität.
 
Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt
 
Zunächst gibt es eine indirekte Auswirkung: Durch die Durchdringung des Privatlebens mit den verschiedensten digitalen Entwicklungen entsteht ein Gewöhnungseffekt, der die Einstellung von ArbeitnehmerInnen zu den betrieblichen Effekten der Digitalisierung entscheidend beeinflusst. Viele Auswirkungen in der Arbeitswelt werden dadurch als normal oder sogar auch als Belohnung (z.B. Privatnutzung von betrieblichen Smartphones, Einsatz von „social networks“ im Betrieb) empfunden. Gefahren oder Falltüren werden kaum mehr als solche wahrgenommen. Einige der direkten Auswirkungen, die mit Risiken, aber auch mit Chancen verbunden sein können, sind:
 
  • Wesentlich gesteigerte Ersetzbarkeit der Einzelnen: diese entsteht durch die notwendige Standardisierung von Abläufen (und den zugrundeliegenden Daten) und durch Software gesteuerte automatische Entscheidungen, die bisher von (nach-)denkenden Menschen getroffen wurden. Durch die damit verbundenen Rationalisierungseffekte kann es zum Wegfall von Arbeitsplätzen kommen, und zur Umwandlung qualitativ hochwertiger Arbeit in standardisierte Arbeitsabläufe, die auch weniger gut Ausgebildete billiger leisten können.
     
  • Andererseits entstehen durch die Digitalisierung viele neue Berufsbilder und damit auch Arbeitsplätze. Die Frage ist nur, in welcher rechtlichen Form diese Arbeitsplätze entstehen, denn es gibt auch immer wieder neue Arten von Beschäftigung. Unternehmerrisiko wird zu den ArbeitnehmerInnen hin verschoben, die Gefahr der Prekarisierung ist hoch (z. B. Crowdworking, Start-ups usw.).
     
  • Zunehmende Entgrenzung von Beruf und Privatleben: Früher waren die Produktionsmittel statisch, schwer, teuer und ausschließlich unter der Verfügungsgewalt der UnternehmerInnen. Heute bringen MitarbeiterInnen ihre Arbeitsgeräte mitunter selbst mit, entweder freiwillig oder sie werden dazu angehalten. Zugang zu Informationen und Daten ist oft kein technisches oder wirtschaftliches (der notwendige Kapitaleinsatz ist sinkend), sondern ausschließlich ein organisatorisches Problem. Damit wird es aber gestaltbar und eine Frage von Aushandlung und Machtverhältnissen.
     
  • Informationen werden in digitaler Form und nicht mehr wie früher materiell gespeichert und weitergegeben (z. B. Brief -> email, Buch -> ebook….), dadurch ist mehr räumliche Flexibilität, schnellere Verbreitung sowie allgemeinere Zugänglichkeit möglich. Das kann Vorteile für ArbeitnehmerInnen bringen, kann aber auch von ArbeitgeberInnen zum Nachteil der ArbeitnehmerInnen ausgenutzt werden.
     
  • Veränderung der Arbeitsbedingungen (theoretisch 24/7) – Teleworking, Desk sharing – steigender Arbeitsdruck (on-demand-Gesellschaft) – höhere Geschwindigkeit – Erleichterung der Arbeit durch Reduktion von Routinetätigkeiten – mehr Kontrollmöglichkeiten – Arbeiten in virtuellen Teams – weniger persönlicher Kontakt
     
  • Die Einschränkung von Mitbestimmungsrechten durch neue Arbeitsformen (crowd) und Internationalisierung (Off-shoring bzw. Auslandsverlagerung wegen günstigerer Rahmenbedingungen, Near-shoring bzw. Nahverlagerung, etwa in osteuropäische Länder): Zwei Probleme sind in diesem Zusammenhang besonders zu beachten: Einerseits die schwierigere Organisationsmöglichkeit für externe Beschäftigte11, die potentiell weltweit verstreut arbeiten und andererseits der Druck durch den globalen Markt (das theoretisch globale Angebot) auf bestehende Strukturen und damit auf MitarbeiterInnen in den Unternehmen. Das bedeutet, dass dadurch auch bestehende Regelungen und Institutionen unter Druck kommen.
     
  • Durch die riesige Menge von anfallenden und gespeicherten Daten wird die Überschaubarkeit der Systeme für die ArbeitnehmerInnen stark eingeschränkt. Die Gefahr von Datenmissbrauch, die fehlende Datensicherheit und zusätzliche Abhängigkeiten sind die Folgen. Deshalb kommt dem Datenschutz immer größere Bedeutung zu.
 
Der Beitrag ist erstmals auf kompetenz-online.at erschienen.

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