Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.

GPA-djp
Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier

Qualität braucht Individualität

Strategien und Prozesse sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst

Ebenso unterschiedlich wie die Menschen selbst sind auch die Strategien und Prozesse, wie etwas gelernt wird. Eine qualitätsvolle Vermittlung von Wissen wird sich daher immer am Einzelnen zu orientieren haben. Dies gilt insbesondere für die Erwachsenenbildung - einerseits sind hier die Gruppen stets heterogen (wenn schon nicht in ihrem Vorwissen, dann gewiss in Hinsicht auf Alter, Sozialisation, Geschlecht und Bildungserfahrungen), andererseits bedingt die mantraartig wiederholte Forderung nach lebensbegleitendem Lernen geradezu verstärkte Individualität im Lernprozess.

Welche Strukturen benötigen Unterrichtende, um sich auf die ihnen anvertrauten Individuen einstellen zu können, liegt der Fokus doch stets auf der Gesamtheit der Gruppe?

In der Regel müssen Unterrichtende im Spannungsfeld von Nivellierung und Sichtbarmachen der Unterschiede hin- und herpendeln, um gruppenspezifische Dynamiken überhaupt erfolgreich bewältigen zu können. Dies bedarf aber zunächst einer umfassenden Reflexion der eigenen Rolle im Gesamtgeschehen - und dabei hat der/die Unterrichtende naturgemäß  zunächst das Wohl der "ganzen Gruppe" vor Augen. Erst wenn KursteilnehmerInnen zu Problemfällen (v)erklärt werden, stellt sich die Frage nach den spezifischen Bedürfnissen.

Implizites Lernziel ist immer auch die Konformität mit der vorgegebenen Lerngruppe. Gerade im Bereich der AMS-Kurse, an denen die TeilnehmerInnen leider immer öfter nicht ganz freiwillig teilnehmen - etwa weil sie beispielsweise schon immer eine Schweißerausbildung machen wollten - gerät Nonkonformität zur Existenzbedrohung: Sanktionierungen gibt es zuhauf, die Frage nach dem "Warum" der Lernziele wird erst gar nicht gestellt: Einmal sind es die Nageldesignerinnen, ein andermal die Netzwerkadministratoren, selten wird überhaupt in Erfahrung gebracht, wer was aus welchem Grund lernen soll oder gar möchte.

Qualitätsvoller Unterricht bedeutet aber auch, den/die Lernenden in seiner/ihrer Gesamtheit wahrzunehmen, zu akzeptieren und zu fördern, um dadurch überhaupt erst weitergehende Wissensvermittlung ermöglichen zu können; nicht umsonst lautet das Credo aller mit Gruppen Befasster frei nach Ruth Cohn: Störungen haben Vorrang - und so könnte man hinzufügen - "Störungen" sind meist Reaktionen eines Individuums, andernfalls müsste man ja von Rebellion der Gesamtgruppe sprechen.

Ein weiteres Spannungsfeld stellt die allseits diagnostizierbare Zertifizierungsmanie dar: Mittlerweile gibt es Zertifikate für alles und jedes; und häufig ist die einzige Motivation für den Besuch des entsprechenden Seminars nichts anderes als das Blatt Papier, das einen dann etwa als zertifizierten Moderator der Open-Space-Methode ausweist.

Bedrohlich wird der Zwang zum Nachweis zertifizierter Kenntnisse etwa im Bereich der Integrationsvereinbarung. Nix sprechen deitsch?? Ab in die Heimat. Im Jahr 2009 wurden bereits 3 Fälle wegen mangelnder Deutschkenntnisse mit Ausweisung bedroht. Auch wenn die Hintergründe nicht feststellbar sind, zeigen diese Fälle, dass "mangelnde" Bereitschaft zu Weiterbildung das Recht auf Aufenthalt verwirken kann. Dabei spielt keine Rolle, ob sich der Besuch eines Sprachkurses zeitlich, finanziell oder aus anderen, z.B. familiären, Gründen nicht ausging.

Wir fordern daher

  • Ein Ende der Zwangsmaßnahmen: Wer was wie lernt, muss vereinbart werden!
  • Arbeitsbedingungen für Unterrichtende, die individuelle Förderung ermöglichen (z.B. im Rahmen von Beratungsgesprächen)
  • Erstellung individueller Lernpläne unter der Expertise der KursleiterInnen und ausreichend bezahlte Arbeitszeit, um mit diesen zu arbeiten
  • Freiwillige kollegiale Reflexion/Intervision anstatt nichtssagender (manchmal auch einfach gegen Bargeld erwerbbarer) Pseudozertifikate (z.B. Gender-Mainstreaming)
  • Bezahlte Supervision nach Bedarf
  • Entsprechende Bereitstellung von Medien, Materialien usw., mit denen auch selbständig gearbeitet werden kann
  • Ausreichend Raum für mehr Individualität im Unterricht

Artikel weiterempfehlen