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Ökonom und Politikwissenschafter Martin Schürz ist Vermögensforscher in Wien und arbeitet als Psychotherapeut in der Boje, einem Ambulatorium für Kinder und Jugendliche in Krisensituationen Ökonom und Politikwissenschafter Martin Schürz ist Vermögensforscher in Wien und arbeitet als Psychotherapeut in der Boje, einem Ambulatorium für Kinder und Jugendliche in Krisensituationen.

„Exzessiver Reichtum zerstört die Demokratie“

Vermögensforscher Martin Schürz erklärt warum Überreiche die politische Gleichheit untergraben und es eine breite Debatte zur Begrenzung von Vermögen geben sollte. Seine Arbeit als Psychotherapeut führt ihm obszöne Unterschiede in der Verteilungsgerechtigkeit vor Augen. Abhilfe könnte ein globales Vermögensregister bieten, das Steuerflucht verhindert.

KOMPETENZ: Ihr neues Buch trägt den Titel: „Überreichtum“. Was bedeutet diese Wortschöpfung?

Martin Schürz: Der Begriff wurde bereits vom griechischen Philosophen Platon verwendet. Er bezeichnete damit exzessiven Reichtum, der nicht tugendhaft ist. Es ist ein sehr alter Begriff, der in Vergessenheit geraten ist. Bei uns spricht man landläufig von den Superreichen. Ich habe aber bewusst einen Begriff gewählt, der sofort klarmacht, dass exzessiver Reichtum kritisch zu sehen ist. Ich wollte das Attribut „super“ weglassen.

KOMPETENZ: Was verstehen Sie unter „Überreichtum“?

Schürz: Wir sprechen hier von wirklich hohen Vermögenswerten. Wohlstand, auf Einkommensreichtum aufgebaut, oder Wohnungseigentum und Luxus fallen nicht unter diesen Begriff. Es geht eher um Milliardäre, welche unsere Welt in vielerlei Hinsicht prägen.

KOMPETENZ: Warum sehen Sie Überreichtum so negativ?

Schürz: Exzessiver Reichtum zerstört die Demokratie, gefährdet den sozialen Zusammenhalt und nimmt exklusive Privilegien für sich in Anspruch.

Milliardäre haben eine lautere Stimme als arme Menschen, sie verfolgen häufig andere Interessen als der Rest der Bevölkerung. Wenn die Politik auf diese Überreichen hört, bekommt man Ergebnisse, die gesellschaftlich nicht erwünscht sind.


„Exzessiver Reichtum zerstört die Demokratie, gefährdet den sozialen Zusammenhalt und nimmt exklusive Privilegien für sich in Anspruch.“
Martin Schürz, Reichtumsforscher

KOMPETENZ: Inwiefern gefährdet das die Demokratie?

Schürz: Die Überreichen haben zu viel Macht und beeinflussen über Medieneigentum politische Prozesse. Die Politik orientiert sich an dieser einflussreichen Minderheit und nicht an den vielen Menschen, die sie eigentlich repräsentieren sollte. Die Überreichen haben stärkere Lobbys und „unabhängige“ Think-Tanks zur Untermauerung ihrer Positionen.

KOMPETENZ: Wieso haben Überreiche so große Macht?

Schürz: Auf Grund der Möglichkeiten, die mit ihrem Vermögen verbunden sind. Sie können ihren Reichtum zwar auch wohltätig einsetzen. Doch wenn den reichen  Gönnern etwas nicht passt, können Zuwendungen wieder beendet werden. Im Gegensatz dazu stellt eine sozialstaatliche Versicherungsleistung einen Rechtsanspruch dar und kann nicht willkürlich beendet werden. Darüber hinaus gefährden Überreiche den sozialen Zusammenhalt, weil sie Gruppen, die am Rande der Gesellschaft stehen und wenig besitzen, gezielt gegeneinander ausspielen können.

KOMPETENZ: Welche Privilegien nehmen Überreiche für sich in Anspruch?

Schürz: Vermögende bewegen sich innerhalb von Gleichgestellten, leben in sogenannten „Gated Communities“ – d.h. geschlossenen Wohnkomplexen – und sind von den realen Problemen der Mehrheit wenig berührt. Sie konsultieren Privatärzte und schicken ihre Kinder auf teure Privatschulen. Doch Überreiche leben sogar quasi in einem Paralleluniversum. Das Interesse an einer funktionierenden öffentlichen Infrastruktur oder an sozialstaatlichen Leistungen ist dann gering. Und deren Finanzierung wird immer schwieriger.

KOMPETENZ: Wie könnte man gegensteuern?

Schürz: Am wichtigsten ist die Verwirklichung der Forderung des Ökonomen Gabriel Zucman, nach einem globalen Vermögensregister. Zucman weist darauf hin, dass Reiche weniger Steuern zahlen als der Rest. Würden alle Veranlagungen offengelegt, könnte Vermögen einer Besteuerung nicht mehr so leicht entzogen werden. Die Politik müsste dieses Thema ernster nehmen. Eine breite öffentliche Diskussion zu Gerechtigkeit ist notwendig, um den notwendigen Reformdruck zu erzeugen. In Amerika ist ein solcher Diskurs durch die demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und Elisabeth Warren bereits im Gange.

KOMPETENZ: Was müsste auf nationaler Ebene passieren?

Schürz: Eine Vermögens- und Erbschaftssteuer ist längst überfällig. Im Erben steckt keine Leistung und es verschafft den Kindern der Überreichen enorme Vorteile.

KOMPETENZ: Was fordern Sie?

Schürz: Ich will mit meinem Buch zu einer demokratischen Debatte zu einer Begrenzung von Reichtum beitragen. Persönlich halte ich Überreichtum angesichts von Armut und Elend für obszön. Wenn man den Prozess der Vermögensakkumulation zu Ende denkt, besitzen vielleicht irgendwann einige wenige Familien so viel, wie der gesamte Rest der Welt. Das ist ein moralischer Skandal. Aber es braucht politische Lösungen, die erst dann kommen werden, wenn es einen öffentlichen Diskurs zu dem Thema gibt. Vermögensverteilung ist keine private Frage, sie geht uns alle etwas an.

KOMPETENZ: Warum wird öffentlich so wenig über die Verteilung von Reichtum diskutiert?

Schürz: Da sind raffinierte Mechanismen am Werk. Einerseits werden Geschichten von fabelhaften Aufstiegen erzählt, Lebensläufe von risikofreudigen Menschen, die mit kühnen Ideen einen großartigen Aufstieg im Alleingang geschafft haben. Doch allein erfolgte beim Reichwerden oder Reichbleiben nichts. Staatliche Subventionen, Eigentumsschutz und gesetzliche Regelungen bilden den Rahmen. Und diese Fabeln bringen sozial Schwache in eine Defizitposition. Sie müssen sich dann rechtfertigen, dass sie nicht faul oder schwach sind. Warum erzählt niemand, wie kühn und innovativ Millionen Alleinerzieherinnen in Afrika durchs Leben gehen?

Warum erzählt niemand, wie kühn und innovativ Millionen Alleinerzieherinnen in Afrika durchs Leben gehen?
Martin Schürz, Reichtumsforscher

Die Politik vermeidet vernünftige Gerechtigkeitsdebatten und spielt die einkommensschwächsten Gruppen gegeneinander aus, wie etwa bei der Mindestsicherung. Dass dabei schlecht bezahlte Arbeitende gegen Flüchtlinge ausgespielt werden, halte ich für besonders infam.


KOMPETENZ: Wieso fallen wir auf diese Scheindiskussionen herein?

Schürz: Weil unsere Gefühle ambivalent sind und über Gefühlspolitik manipuliert werden können. Überreichen wird Großzügigkeit zugeschrieben. Und ein lasterhaftes Gefühl, wie Neid, wird bei einkommensschwachen Menschen verortet. So kommt es zum traurigen Ergebnis, dass Arme wollen, dass den Ärmsten etwas weggenommen wird. Dieser politisch gelenkte Zorn hilft, die Privilegien der Überreichen abzusichern. Und in den Medien werden auch verharmlosende Bilder zum Thema Reichtum gezeigt. Überreichtum zeigt sich nicht in Autos, Häusern oder einer schicken Yacht. Überreichtum steckt in Unternehmen und Aktien – das wird selten abgebildet. Und Gerechtigkeitsanliegen werden als „Neiddebatte“ diffamiert.

KOMPETENZ: Verstehen die Überreichen die Armen nicht?

Schürz: Das können sie gar nicht, denn es gibt keine gemeinsame Lebenswelt zwischen beiden Welten, daher kann auch kein Mitgefühl entstehen. Es bräuchte eine geteilte Wirklichkeit, um Empathie füreinander zu entwickeln.

Zur Person:

Der Ökonom und Politikwissenschafter Martin Schürz ist Vermögensforscher in Wien und arbeitet als Psychotherapeut in der Boje, einem Ambulatorium für Kinder und Jugendliche in Krisensituationen.

Der Beitrag ist erstmals auf kompetenz-online.at erschienen.

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